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Der Fall Aracruz: was nicht
gesagt wurde...
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Im Morgengrauen des 8. März
2006 zerstören über 1500 Landfrauen einen Teil der
Baumschule des Zellstoffunternehmens Aracruz in Barra do
Ribeiro, in der Nähe von Porto Alegre im Süden Brasiliens.
Die Nachricht ging um die
Welt. Die Frauen, darunter viele Mütter und Grossmütter,
wurden als Vandalinnen, Zerstörerinnen und Kriminelle
bezeichnet. Viele Menschen verurteilten das Geschehene,
ohne sich zu fragen:
„Was verleitete die Frauen,
Mütter, Grossmütter und Jugendlichen dazu, im Morgengrauen
ihre Häuser zu verlassen und eine solche Aktion
durchzuführen?“ |
Die Landfrauen
Seit vielen Jahren warnen die
Landfrauen die Gesellschaft davor, die Natur im Namen des
Gewinns mit den Füssen zu treten. Die Landfrauen verteidigen das
Leben, die Natur und das Überleben des Planeten.
Doch Fernsehen, Radio oder
Zeitungen berichteten nie über ihren Kampf oder über die Klagen
der Frauen wegen der Umwelt- und sozialen Sünden, welche grosse
Unternehmen wie Aracruz begehen.
Was keine Nachricht wert ist
Die Frauen erschienen nie im
Fernsehen, im Radio oder in den Zeitungen, wenn sie die
Zerstörung von Flüssen, Pflanzen und Tieren durch diese
Unternehmen und die Umweltverschmutzung beklagten. Oder wenn sie
von den Milliarden sprachen, welche den öffentlichen Kassen
entnommen werden, um die grossen Unternehmen zu unterstützen,
während die Armen vor Hunger sterben. Oder wenn sie die
Sklavenarbeit anprangerten, die Besetzung von Ländereien der
Indigenen, der Afro-Abstämmigen oder der KleinbäuerInnen.
Das Warum
Wenn sich die Frauen zu einer
solchen Aktion entschliessen, dann ist es, weil etwas falsch ist.
Die Aktion war eine Anklage, ein Schrei, damit die Gesellschaft
erkennt, was sie bisher nicht gesehen hat, nämlich die
Zerstörung, die begangen wird.
Als über 1500 Frauen am 8. März in
die Baumschule in Barra do Ribeiro eindrangen und einen Teil der
Setzlinge zerstörten, war es, weil sie als Frauen, Mütter,
Grossmütter und Jugendliche an die bedrohte Zukunft ihrer Kinder,
ihrer Enkel und des Planeten dachten.
Die Aktion vom 8. März war ein
Appell, damit die wahren Verbrecher bestraft werden.
“Am Internationalen Tag der Frau
nutzten die Landfrauen eine symbolische Kraft gegen die
strukturelle Gewalt eines Unternehmens, das glaubt, ungestraft
Leben kaufen und Land in eine Handelsware verwandeln zu können.”
Marcelo Barros,
Benediktinermönch, Autor von 29 Büchern
Wer ist Aracruz
Aracruz ist ein
brasilianisch-norwegisches Unternehmen. Zusammen mit dem
schwedisch-finnischen Unternehmen Stora Enso besitzt es Veracel,
ein Unternehmen, das im Süden Bahias tätig ist.
Aracruz besitzt 252'000 Hektaren
Eukalyptusplantagen in den Bundesstaaten Minas Gerais, Bahia,
Rio Grande do Sul und Espírito Santo, nebst 71’000 weiteren
Hektaren, die in ihrem Auftrag von BäuerInnen mit Eukalyptus
bepflanzt und bewirtschaftet werden.
2005 produzierte Aracruz 2,8
Millionen Tonnen Zellstoff und ist damit der grösste Produzent
von gebleichtem Eukalyptuszellstoff der Welt. Es verdiente damit
im gleichen Jahr 1,17 Mrd. Reais (650 Mio. Franken). 97% ist für
den Export bestimmt.
Aracruz installiert seine Fabriken
in der Nähe von Flüssen, weil die Produktion von Zellstoff
grosse Mengen von Wasser benötigt.
Die Zerstörung der Natur
Die Kette der Produktion von
Zellstoff-Holz bis hin zur Produktion von Papier verbraucht eine
grosse Menge an natürlichen Ressourcen, Boden, Wasser,
chemischen Zusatzstoffen, Dünger, Herbiziden und Chlor(dioxid).
Sie ist damit eine grosse Belastung für die Umwelt.
Wasser
Gemäss einer Studie der
Universität São Paulo sind wegen Eukalyptuskulturen in Minas
Gerais bereits 4000 Quellen versiegt, die den Rio São Francisco
speisen sollten.
Das Pflanzen von Eukalyptus
trocknet Grundwasserquellen bis 30 Meter Tiefe aus. Um ein Kilo
Holz zu produzieren, braucht es 350 Liter Wasser. Eine grosse
Eukalyptus-Plantage braucht mehr Wasser, als durch die
Niederschlagsmenge zurückgeführt wird.
Bei einer Produktion von 450’000
Tonnen wendet Aracruz im grössten Fischbecken des Atlantiks im
Süden Bahias 6 Tonnen chemische Zusatzstoffe an. Heute erreicht
die Produktion 3 Mio. Tonnen, also 6 Mal mehr.
Boden, Pflanzen und Tiere
Der Eukalyptus laugt den Boden aus.
Neben dem Eukalyptus wachsen keine anderen Pflanzen. So sterben
zahlreiche Arten aus. Viele Tiere haben dadurch nichts mehr zu
essen, keinen Ort um zu leben und sterben ebenfalls aus.
Viel Land und
wenig Arbeit
In Brasilien hat Aracruz einen
direkten Arbeitsplatz pro 185 Hektaren geschaffen. Beim Abholzen
des Eukalyptus macht eine Schnittmaschine die Arbeit von 14
Motorsägen. Wird die Produktivität mit der Zahl der
Arbeitskräfte verglichen, heute und 1989, kann festgestellt
werden, dass die 2000 Angestellten von heute vier Mal mehr
produzieren als die 8000 Angestellten von damals. Dies bedeutet,
das die Zellstoffindustrie Technologie braucht, aber keine
Arbeitskräfte.
Das öffentliche Geld ist nicht für das Volk
bestimmt
Für die Installation seiner Fabrik
im Bundesstaat Espírito Santo hat Aracruz 337 Millionen Dollar
von der Nationalen Bank für Ökonomische und Soziale Entwicklung
BNDES erhalten. Das ist die grösste Investition in ein privates
Unternehmen, die je in Brasilien realisiert wurde.
Ausserdem existiert ein ganzer
Staatsapparat zu Gunsten von Aracruz und anderen grossen
ausländischen Unternehmen, die sich in Brasilien niederlassen.
Dank dieses Apparates werden soziale und Umweltgesetze ignoriert,
Steuererleichterungen erlassen und Infrastruktur für den Bau der
Fabriken bereit gestellt.
Wie Aracruz mit dem Volk umgeht
Im Januar vertrieb Aracruz im
Bundesstaat Espírito Santo die EinwohnerInnen zweier Dörfer des
indigenen Volkes der Tupi-Guarani mit Hilfe der Militärpolizei
und walzte deren Häuser platt. Auf dem 11'000 Hektaren grossen
Stück Land baut Aracruz seit fast 40 Jahren Eukalyptus an. Im
Sommer 2005 hatten die Tupi-Guarani das Land besetzt und seine
Rückgabe verlangt, nachdem die staatliche Indigenenbehörde Funai
sie als rechtmässige Besitzer anerkannt hatte. In den
brasilianischen Medien wurde über den Vorfall nicht berichtet,
doch das Tribunal der Völker in Wien griff den Fall auf.
Am 16. Juni beginnt Aracruz im
gleichen Bundesstaat, im Jacutinga-Tal, mit 27 Traktoren
einheimische Vegetation zu zerstören. Die Arbeiter werden von
der lokalen Bevölkerung daran gehindert. Am 18. Juni, als alle
vor dem Fernseher sitzen, um sich die WM-Partie
Brasilien-Australien anzusehen, führt Aracruz die Aktion fort.
AktivistInnen der Kleinproduzentenbewegung MPA, darunter eine
hochschwangere Frau, Greise und Kinder, setzen sich vor die
Traktore, um die Abholzung zu verhindern.
“Es war die Antwort darauf, was
das Unternehmen im Januar in Espírito Santo machte. Um seine
Plantagen vergrössern zu können, besetzte es Land der Indigenen
und walzte mit Traktoren ihre Häuser platt.“
Leonardo Boff,
Befreiungstheologe
|
Zum Vergleich |
| |
Zellstoffunternehmen |
Landwirtschaft der KleinbäuerInnen |
|
Arbeitsplätze pro Hektaren |
1 pro 185 |
5 pro 1 |
|
Landkonzentration in Rio
Grande do Sul |
1 Unternehmen mit 56’200
Hektaren |
2810 Grundstücke mit je 20
Hektaren |
|
Öffentliche Investitionen |
337 Millionen für ein
Unternehmen |
9 Mrd. Für 2 Mio. Verträge
(2005) |
|
Ziel der Produktion |
97% der Produktion ist für den
Export nach Europa und China bestimmt |
100% der Produktion landet auf
den Tischen der brasilianischen ArbeiterInnen |
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Investition pro Arbeitsplatz |
1 Arbeitsplatz kostet 3,75
Mio. Dollar |
1 Arbeitsplatz kostet 2900
Dollar |
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