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07/07/2006
Der Fall Aracruz: was nicht gesagt wurde...

Im Morgengrauen des 8. März 2006 zerstören über 1500 Landfrauen einen Teil der Baumschule des Zellstoffunternehmens Aracruz in Barra do Ribeiro, in der Nähe von Porto Alegre im Süden Brasiliens.

Die Nachricht ging um die Welt. Die Frauen, darunter viele Mütter und Grossmütter, wurden als Vandalinnen, Zerstörerinnen und Kriminelle bezeichnet. Viele Menschen verurteilten das Geschehene, ohne sich zu fragen:

„Was verleitete die Frauen, Mütter, Grossmütter und Jugendlichen dazu, im Morgengrauen ihre Häuser zu verlassen und eine solche Aktion durchzuführen?“

Die Landfrauen

Seit vielen Jahren warnen die Landfrauen die Gesellschaft davor, die Natur im Namen des Gewinns mit den Füssen zu treten. Die Landfrauen verteidigen das Leben, die Natur und das Überleben des Planeten.

Doch Fernsehen, Radio oder Zeitungen berichteten nie über ihren Kampf oder über die Klagen der Frauen wegen der Umwelt- und sozialen Sünden, welche grosse Unternehmen wie Aracruz begehen.

Was keine Nachricht wert ist

Die Frauen erschienen nie im Fernsehen, im Radio oder in den Zeitungen, wenn sie die Zerstörung von Flüssen, Pflanzen und Tieren durch diese Unternehmen und die Umweltverschmutzung beklagten. Oder wenn sie von den Milliarden sprachen, welche den öffentlichen Kassen entnommen werden, um die grossen Unternehmen zu unterstützen, während die Armen vor Hunger sterben. Oder wenn sie die Sklavenarbeit anprangerten, die Besetzung von Ländereien der Indigenen, der Afro-Abstämmigen oder der KleinbäuerInnen.

Das Warum

Wenn sich die Frauen zu einer solchen Aktion entschliessen, dann ist es, weil etwas falsch ist. Die Aktion war eine Anklage, ein Schrei, damit die Gesellschaft erkennt, was sie bisher nicht gesehen hat, nämlich die Zerstörung, die begangen wird.

Als über 1500 Frauen am 8. März in die Baumschule in Barra do Ribeiro eindrangen und einen Teil der Setzlinge zerstörten, war es, weil sie als Frauen, Mütter, Grossmütter und Jugendliche an die bedrohte Zukunft ihrer Kinder, ihrer Enkel und des Planeten dachten.

Die Aktion vom 8. März war ein Appell, damit die wahren Verbrecher bestraft werden.

 

“Am Internationalen Tag der Frau nutzten die Landfrauen eine symbolische Kraft gegen die strukturelle Gewalt eines Unternehmens, das glaubt, ungestraft Leben kaufen und Land in eine Handelsware verwandeln zu können.”

Marcelo Barros, Benediktinermönch, Autor von 29 Büchern

Wer ist Aracruz

Aracruz ist ein brasilianisch-norwegisches Unternehmen. Zusammen mit dem schwedisch-finnischen Unternehmen Stora Enso besitzt es Veracel, ein Unternehmen, das im Süden Bahias tätig ist.

Aracruz besitzt 252'000 Hektaren Eukalyptusplantagen in den Bundesstaaten Minas Gerais, Bahia, Rio Grande do Sul und Espírito Santo, nebst 71’000 weiteren Hektaren, die in ihrem Auftrag von BäuerInnen mit Eukalyptus bepflanzt und bewirtschaftet werden.

2005 produzierte Aracruz 2,8 Millionen Tonnen Zellstoff und ist damit der grösste Produzent von gebleichtem Eukalyptuszellstoff der Welt. Es verdiente damit im gleichen Jahr 1,17 Mrd. Reais (650 Mio. Franken). 97% ist für den Export bestimmt.

Aracruz installiert seine Fabriken in der Nähe von Flüssen, weil die Produktion von Zellstoff grosse Mengen von Wasser benötigt.

Die Zerstörung der Natur

Die Kette der Produktion von Zellstoff-Holz bis hin zur Produktion von Papier verbraucht eine grosse Menge an natürlichen Ressourcen, Boden, Wasser, chemischen Zusatzstoffen, Dünger, Herbiziden und Chlor(dioxid). Sie ist damit eine grosse Belastung für die Umwelt.

Wasser

Gemäss einer Studie der Universität São Paulo sind wegen Eukalyptuskulturen in Minas Gerais bereits 4000 Quellen versiegt, die den Rio São Francisco speisen sollten.

Das Pflanzen von Eukalyptus trocknet Grundwasserquellen bis 30 Meter Tiefe aus. Um ein Kilo Holz zu produzieren, braucht es 350 Liter Wasser. Eine grosse Eukalyptus-Plantage braucht mehr Wasser, als durch die Niederschlagsmenge zurückgeführt wird.

Bei einer Produktion von 450’000 Tonnen wendet Aracruz im grössten Fischbecken des Atlantiks im Süden Bahias 6 Tonnen chemische Zusatzstoffe an. Heute erreicht die Produktion 3 Mio. Tonnen, also 6 Mal mehr.

Boden, Pflanzen und Tiere

Der Eukalyptus laugt den Boden aus. Neben dem Eukalyptus wachsen keine anderen Pflanzen. So sterben zahlreiche Arten aus. Viele Tiere haben dadurch nichts mehr zu essen, keinen Ort um zu leben und sterben ebenfalls aus.

 

Viel Land und wenig Arbeit

In Brasilien hat Aracruz einen direkten Arbeitsplatz pro 185 Hektaren geschaffen. Beim Abholzen des Eukalyptus macht eine Schnittmaschine die Arbeit von 14 Motorsägen. Wird die Produktivität mit der Zahl der Arbeitskräfte verglichen, heute und 1989, kann festgestellt werden, dass die 2000 Angestellten von heute vier Mal mehr produzieren als die 8000 Angestellten von damals. Dies bedeutet, das die Zellstoffindustrie Technologie braucht, aber keine Arbeitskräfte.

Das öffentliche Geld ist nicht für das Volk bestimmt

Für die Installation seiner Fabrik im Bundesstaat Espírito Santo hat Aracruz 337 Millionen Dollar von der Nationalen Bank für Ökonomische und Soziale Entwicklung BNDES erhalten. Das ist die grösste Investition in ein privates Unternehmen, die je in Brasilien realisiert wurde.

Ausserdem existiert ein ganzer Staatsapparat zu Gunsten von Aracruz und anderen grossen ausländischen Unternehmen, die sich in Brasilien niederlassen. Dank dieses Apparates werden soziale und Umweltgesetze ignoriert, Steuererleichterungen erlassen und Infrastruktur für den Bau der Fabriken bereit gestellt.

Wie Aracruz mit dem Volk umgeht

Im Januar vertrieb Aracruz im Bundesstaat Espírito Santo die EinwohnerInnen zweier Dörfer des indigenen Volkes der Tupi-Guarani mit Hilfe der Militärpolizei und walzte deren Häuser platt. Auf dem 11'000 Hektaren grossen Stück Land baut Aracruz seit fast 40 Jahren Eukalyptus an. Im Sommer 2005 hatten die Tupi-Guarani das Land besetzt und seine Rückgabe verlangt, nachdem die staatliche Indigenenbehörde Funai sie als rechtmässige Besitzer anerkannt hatte. In den brasilianischen Medien wurde über den Vorfall nicht berichtet, doch das Tribunal der Völker in Wien griff den Fall auf.

Am 16. Juni beginnt Aracruz im gleichen Bundesstaat, im Jacutinga-Tal, mit 27 Traktoren einheimische Vegetation zu zerstören. Die Arbeiter werden von der lokalen Bevölkerung daran gehindert. Am 18. Juni, als alle vor dem Fernseher sitzen, um sich die WM-Partie Brasilien-Australien anzusehen, führt Aracruz die Aktion fort. AktivistInnen der Kleinproduzentenbewegung MPA, darunter eine hochschwangere Frau, Greise und Kinder, setzen sich vor die Traktore, um die Abholzung zu verhindern.

 

“Es war die Antwort darauf, was das Unternehmen im Januar in Espírito Santo machte. Um seine Plantagen vergrössern zu können, besetzte es Land der Indigenen und walzte mit Traktoren ihre Häuser platt.“

Leonardo Boff, Befreiungstheologe

Zum Vergleich

 

Zellstoffunternehmen

Landwirtschaft der KleinbäuerInnen

Arbeitsplätze pro Hektaren 1 pro 185 5 pro 1
Landkonzentration in Rio Grande do Sul 1 Unternehmen mit 56’200 Hektaren 2810 Grundstücke mit je 20 Hektaren
Öffentliche Investitionen 337 Millionen für ein Unternehmen 9 Mrd. Für 2 Mio. Verträge (2005)
Ziel der Produktion 97% der Produktion ist für den Export nach Europa und China bestimmt 100% der Produktion landet auf den Tischen der brasilianischen ArbeiterInnen
Investition pro Arbeitsplatz 1 Arbeitsplatz kostet 3,75 Mio. Dollar 1 Arbeitsplatz kostet 2900 Dollar
 

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